15. April 2015 Neue Medien

ZWEISAMKEIT GENIESSEN IN DER SCHWANGERSCHAFT

Nach dem Abitur und einigen Semestern eines Medizinstudiums wechselte Tara Franke nochmal die Spur auf die Hebammenausbildung und hat von 1996 bis 2009 als freiberufliche Hebamme werdende Mütter und Paare auf ihrem Weg in die Elternschaft begleitet. Eine Weiterbildung zur Sexualpädagogin erweiterte ihr Spektrum, ebenso wie die Tätigkeit als Beckenboden-Trainerin. Seit über 10 Jahren bildet sie andere Hebammen in der beruflichen Weiterbildung fort, auch zum Thema Sexualität und Verhütung. Ihr Sohn ist 12 Jahre alt und versorgt sie gerade intensiv mit Fragen und Ansichten der nächsten Generation zum Thema Verlieben, Körper und Sexualität.
Tara Franke arbeitet heute als Dozentin, Sexualpädagogin, Autorin von Fach- und Laienbüchern sowie als Redakteurin der Deutschen Hebammenzeitschrift.

Liebe Tara, für die meisten Paare ist eine Schwangerschaft die Erfüllung eines großen Wunsches.Auf welche Herausforderungen müssen sich Paare aber ebenfalls einstellen?
Hebammen wissen, dass Schwangere eigentlich immer ein wenig in einer kriseligen Grundstimmung sind – so viele Fragen, neue Erfahrungen und körperliche Veränderungen! Das ist eine Herausforderung für jede Partnerschaft. Aber auch die werdenden Väter oder Co-Mütter sind meist verunsichert – über ihre Rolle, ihre Zukunft, wie sie die Verantwortung meistern werden. Was in der Paarbeziehung bis dahin nicht gut geklärt wurde, kommt meist jetzt zum Vorschein. Aber das ist immer eine große Chance, sich neu zu finden und zu definieren.
Entscheidungen wie Zusammenleben, Heiraten oder Ortswechsel werden nun meist nicht mehr hinausgeschoben, auch wenn die Entscheidung nicht immer leicht fällt und Ängste wecken kann. Zu hohe Erwartungen an den Partner/die Partnerin können zu Konflikten führen, aber auch Verantwortung zu übernehmen will gelernt werden. Beim Elternwerden ist eigentlich nur eines sicher: es wird nicht so bleiben, wie es war! Am besten ist es, wenn beide mehr Neugierde dafür haben als Befürchtungen…

Wie verändern sich Zweisamkeit und Sexualität in der Schwangerschaft?
Dass sich vieles ändert, gilt natürlich auch für die Lust, die Sexualität und die Zeit, die Paare mit kleinen Kindern dafür finden. Es gibt kaum etwas Unerotischeres als ein kleines schreiendes Baby… Je offener Paare für diese natürlichen Veränderungen sind, desto eher werden sie vermutlich feststellen, dass das kein Drama ist und dass auch diese Phasen vorbei gehen werden. Es kommt garantiert aber irgendwann auch der Abend, an dem endlich wieder mal Zeit und Ruhe ist, um ungestört zu kuscheln, und wenn die Pause bis dahin einige Wochen oder sogar Monate dauerte, dann kann es fast so sein, als würde man sich wieder zum ersten Mal lieben.
Es kann Verunsicherungen geben, ob alles gut geheilt ist oder etwas weh tun könnte. Es kann trockener sein als gewohnt (hier hilft beispielsweise unkompliziert ein Lubrikant), solange die Mutter stillt. Die gewohnten Verhütungsmethoden wie bestimmte Antibaby-Pillen sind beim Stillen nicht immer möglich, oder die Bedürfnisse verschieben sich hin zu mehr Zärtlichkeit – oder zu intensiverem Erleben. Da hilft nur: offen sein, entspannen und ausprobieren. Und bei konkreten Fragen zu körperlichen Veränderungen oder anhaltenden Beschwerden, z.B. mit Geburtsverletzungen, unbedingt die Hebamme oder Frauenärzt/in fragen!

Gibt es dabei innerhalb einer Schwangerschaft unterschiedliche Phasen in denen Nähe und/oder Sexualität besonders ins Hintertreffen geraten?
Zu Beginn wirkt – zumindest wenn die Eltern sich über die Schwangerschaft freuen – die gute Nachricht meist förderlich, die Bindung des Paares vertieft sich, die gemeinsame Freude auf das Kind kann auch die Lust und das Bedürfnis nach körperlicher Nähe verstärken. Im Verlauf der Schwangerschaft gibt es jedoch viele Faktoren, die zumindest das Bedürfnis nach Sex verringern können. Zum einen ist die Schwangerschaft eine enorme hormonelle Umstellung, auf die jede Frau anders reagiert. Der Körper verändert sich stark, nicht nur der Bauch beginnt zu wachsen, auch die Brüste werden größer und empfindlicher, einige Frauen erleben leichte Übelkeit im ersten Drittel der Schwangerschaft, manche auch länger, und meist kommen auch mehr oder weniger störende Wassereinlagerungen und zusätzliche Fettspeicher hinzu, die der Körper zur Sicherheit für das Kind anlegt. Das kann das Wohlbefinden steigern oder beeinträchtigen und sich entsprechend auch auf die Lust und die Freude am eigenen Körper beeinflussen. Nicht selten haben auch die Männer seelische Schwankungen und müssen sich erst einmal an die neue Rolle und Verantwortung gewöhnen. Manche haben auch konkrete Angst, das Kind zu stören, wenn sie mit ihrer schwangeren Frau schlafen. Das ist natürlich nicht der Fall, denn das Kind ruht wohl behütet in Gebärmutter, Fruchtblase und Fruchtwasser im Bauch der Mutter. Nur wenn es ernsthafte Anzeichen für Risiken wie Blutungen oder vorzeitige Wehen gibt, sollte das Paar mit der Hebamme oder GynäkologIn besprechen, ob es seine sexuellen Aktivitäten einschränken sollte.

Wie wichtig ist es auch (hoch)schwanger Intimität und Sexualität zu pflegen?
Intimität ist eine wichtige Basis für die Paarbeziehung, und davon können die werdenden Eltern jetzt sogar eher mehr gebrauchen als vorher. Wenn der Partner/die Partnerin die Frau zur Geburt begleitet, ist er/sie oft das wichtigste Halteseil bei diesem sehr intimen Vorgang. Leider kommt diese Zeit für werdende Eltern oft zu kurz, weil im Außen vieles zu regeln ist wie ein Umzug oder eine Hochzeit. Gibt es schon Kinder, ist die Zeit für Intimität und Sexualität ohnehin beschränkt, aber viele Paare finden da kreative Lösungen. Ein Pärchen hat in meiner Hebammenpraxis erzählt, dass sie abends, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, immer 10 Minuten gemeinsam duschen, egal, was sonst noch ansteht. Sie haben das sehr gut als Ritual in den Alltag integrieren können und es wurde auch für den 5-jähringen Sohn und die 8-jährige Tochter einfach zur festen Regel, sich in dieser Zeit selbst zu beschäftigen. Was sie unter der Dusche machten, haben sie nicht erzählt, aber sie schienen ganz glücklich mit einander zu sein…
Für gesunde (Hoch-) Schwangere und deren Sexualität gilt auf jeden Fall wie für alle anderen Frauen und Männer: alles, was gut tut, ist erlaubt, und wenn es zu beschwerlich wird oder einem von beiden keinen Spaß macht, ist es eine gute Gelegenheit, neue Formen der Nähe und Körperlichkeit zu entdecken. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit werden sich spätestens ein halbes Jahr nach der Geburt der bekannte Rhythmus und die bisher vertrauten Bedürfnisse wieder einstellen.
Tara Franke_Portrait_1
Ich bin full on LOVE…,
… weil Lust und Liebe den Alltag versüßen!
Tara Franke

Konkrete Tipps und Expertenrat zu Sex und Zärtlichkeit in der Schwangerschaft und worauf frischgebackende Eltern dabei achten sollten, lesen Sie im nächsten Beitrag von Tara Franke.

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