19. Februar 2015 Neue Medien

VOM REIZ DES FESSELNS UND DER DOMINANZ

Mit „Shades of Grey“ rückt eine sexuelle Spielart aus dem Schatten in das Rampenlicht: BDSM und das Spiel der Dominanz und Unterwerfung.
Wir haben mit Andreas Vötterl, langjähriger Veranstalter von BDSM-Events, gesprochen und uns diese spannende und interessante Welt ein wenig näher bringen lassen. Er ist seit zehn Jahren Besitzer eines BDSM Shops in München und seit 1997 in der Erotikbranche tätig. Er produziert eigene Videos, veranstaltet BDSM-Perfomances und Workshops.
Seit 2004 ist er außerdem Veranstalter der BoundCon European Fetish Convention, die zur Zeit wohl größte Fetisch- und BDSM-Veranstaltung in Europa.

Herr Vötterl, was bieten Sie in Ihren Workshops an?
Wir machen Bondage-Workshops und Live-Performances, zum Beispiel auf Erotikmessen und vermitteln Künstler und Models für Performances und / oder Foto- und Videoproduktionen. Mit meinen mittlerweile 12 Jahren Erfahrung in der Szene und der eigenen BDSM-Messe habe ich gute Kontakte in die Bondage und BDSM-Szene in aller Welt.

Was ist Sadomaso? Was für Spielarten gibt es?
Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, da jeder darunter etwas anderes definiert und die Thematik sehr komplex ist. Die einfachsten Überblick bietet wohl Wikipedia.

Wie haben Sie Ihre Faszination für SM entdeckt?
Mich haben schon als Jugendlicher Fesselspiele gereizt. Mit 18 Jahren habe ich dann meinen ersten amerikanischen Bondage-Film gesehen und selbst angefangen richtig zu fesseln. Über ein Stadtmagazin in München lernte ich meine erste BDSM-Beziehung kennen. Mit ihr drehte ich mit 19 Jahren meinen ersten Bondage-Film, den wir dann auch verkauften. Über die Jahre lernte ich immer weiter dazu. 1997 beschloss ich schließlich aus meiner Neigung einen Beruf zu machen und kann inzwischen gut davon leben.

Was macht den speziellen Reiz aus?
Kurz gesagt: Es ist das Ausüben von Macht. Gleichzeitig geht damit aber auch eine sehr große Verantwortung dem Sub (dem devoten Partner) gegenüber einher. Außerdem liebe ich die kreativen Möglichkeiten, die einem zum Beispiel Bondage bietet. Man kann immer neue Fesselungen probieren und es ist eine echte Herausforderung seinen Partner gut und sicher zu fesseln.

Was für Erlebnisse darf man sich von SM erhoffen? Was erleben viele intensiver als bei “normalem“ Sex?
Durch das Abgeben der Kontrolle an den dominanten Partner nimmt man die Reize wie Berührungen aber auch Schläge viel intensiver wahr. Das kann übrigens jeder ganz einfach testen, indem man sich die Augen verbinden lässt – die anderen Sinne werden deutlich gesteigert und man wird viel empfänglicher für Berührungen. Das lässt sich durch Fixieren oder Fesseln noch steigern. Daneben ist es das „Sich-Ausliefern“ und die Ungewissheit, was als nächstes auf einen zukommt, was besonders intensive Erlebnisse verschafft.

Was sind wichtige Voraussetzungen, wenn man mit dem Partner das erste Mal mit (BD)SM experimentiert?
Die wichtigste Voraussetzung ist natürlich Vertrauen in den Partner. Besonders der dominante Partner trägt eine hohe Verantwortung. Wichtig ist auch viel miteinander zu sprechen und sich über Risiken und Gefahren, gerade bei neuen Experimenten, gründlich zu informieren. Aus meiner jahrelangen Erfahrung heraus die wichtigste Voraussetzung: Nie das Hirn abschalten, selbst wenn das Blut gerade woanders benötigt wird! Gesunder Menschenverstand und Mitdenken verhindern mögliche Verletzungen und peinliche Momente.

Sieht man unter Umständen den Partner auch im Alltagsleben anders, wenn man sich zum Beispiel gegenseitig unterwirft?
Ich denke schon. Das kommt aber immer auf die Intensität der gelebten SM-Beziehung an. SM kann eine Bereicherung des Sexlebens sein, oder aber eine echte Lebensform, die 24 Stunden am Tag ausgelebt wird (TPE-Beziehung).

Wie sollten sich Neulinge an SM herantasten?
Es gibt gute Literatur und Filme zu dem Thema. Gerne kann man auch auf Veranstaltungen wie die BoundCon gehen. Dort kann jeder, egal ob Anfänger oder Profi, ob in Outfit oder Straßenkleidung sich ganz ungezwungen umsehen, zuschauen und sich informieren. Auf der BoundCon sind mehr als 100 Aussteller aus allen Bereichen des BDSM. Es gibt dort alles, was es an Literatur, Ausrüstung und Spielzeug gibt. Daneben wird auf den Bühnen nonstop gefesselt und es werden Workshops von den Profis der Szene angeboten. Das alles findet in einer sehr unkomplizierten und ungezwungenen Atmosphäre statt.

Ist es tatsächlich der Schmerz, der reizt, oder doch eher die Dominanz und der Kontrollverlust?
Es ist beides. Masochisten sind oft sehnsüchtig nach Schmerzen. Sadisten dagegen ziehen ihren Lustgewinn aus dem Zufügen von Schmerzen. Dominante / devote Spielarten dagegen haben ihren Reiz im Kontrolle abgeben und ausüben. Aber natürlich gibt es hier nicht nur Schwarz und Weiß, sondern unzählige Facetten und Unterteilungen.

Brauche ich Equipment um zu starten?
Ich persönlich finde ja. Natürlich kann man allein durch Ausstrahlung Dominanz aufbauen und den Partner mit „spanking“, also dem Schlagen mit der bloßen Hand, bestrafen. Gerade für Anfänger ist die Zuhilfenahme von Equipment eine große Erleichterung und erhöht den Spaß am Spiel enorm.

Dominanz und Unterwerfung – wie schaffe ich die richtige Mischung?
Durch regelmäßiges Austausch mit dem Partner. Kommunikation und Ausprobieren ist sehr wichtig, dann kommt alles Weitere von allein. Voraussetzung ist natürlich, dass beide es wollen und die Rollenverteilung akzeptieren!

Wie wichtig ist es sich in Foren und bei Profis zum Thema schlau zu machen?
Es hilft enorm. Da ist es im BDSM nicht anders, als im richtigen Leben. Ich kann auf die Vorerfahrungen von anderen zurückgreifen und mich vorab schon sehr gut informieren und die richtige Anwendung von Fesseln und Spielzeug kennenlernen. Man darf nicht außer Acht lassen, dass es im BDSM-Bereich Praktiken gibt, die bei unsachgemäßer Anwendung gefährlich werden können!

Wen kann ich fragen? Was ist seriös?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. In Deutschland gibt es zum Beispiel die Seite „Sklavenzentrale“. Dort sind viele seriöse Teilnehmer angemeldet, deren Profile man sich anschauen kann. Aber auch die Betreiber das SM-Magazin „Schlagzeilen“ aus Hamburg sind sehr zu empfehlen. Sie haben über die Jahre eine Reihe an guter Literatur veröffentlicht, zum Beispiel das „SM-Handbuch“ und das „Bondage“-Handbuch. Sie haben natürlich auch eine Webseite, die man besuchen kann.

Ich bin neugierig. Wie überzeuge ich meinen Partner?
Momentan ist das sehr einfach. Man kann das Thema „Shades of Grey“ ansprechen und einfach schauen wie der Partner reagiert. Mein ganz privater Tipp ist aber: einfach loslegen! In einer funktionierenden Partnerschaft sollte es kein Problem sein, dem Partner die Augen zu verbinden und ihm, nicht brutal aber bestimmt, die Hände zu fesseln. Lässt der Partner dies widerspruchslos geschehen ist das Eis gebrochen und einem lustvollen Spiel steht nichts mehr im Weg. Bei mir hat das (fast) immer geklappt. Nicht lange drumrumreden, sondern Mut haben…

Herr Vötterl, vielen Dank für Ihre Zeit und den ausführlichen Einblick in die Welt des BDSM!

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