12. Dezember 2014 Isabel Tegge

SEX IN DER SCHWANGERSCHAFT

Isabel Tegge im Interview. Sie ist seit 2012 Beleghebamme bei der Bremer Hebammengemeinschaft und weiß aus ihrem beruflichen Alltag, dass Sex in der Schwangerschaft nicht immer ein leichtes Thema für Frau und Mann ist.

Wie gehen Schwangere aus deiner Erfahrung als Hebamme mit dem Thema Sex um?
Während der Familienplanung, das heißt wenn der Wunsch nach einem gemeinsamen Kind wächst, gehen die meisten Paare noch unbeschwert mit dem Thema Sex um. Das liegt meiner Meinung vor allem daran, dass die Hoffnung bald schwanger zu werden zu einem sehr regen Sexleben führt. Von den Sex-Problemen oder -Sorgen befreundeter Paare scheint man in dieser Phase meilenweit entfernt.
Im Allgemeinen wird im Freundes- und Bekanntenkreis ohnehin wenig über das sich verändernde Sexleben in einer Schwangerschaft gesprochen. Das ist leider immer noch oft ein Tabuthema. In diesem Fall kann das aber eventuell sogar gut sein, da sonst Hemmschwellen entstehen könnten, überhaupt eine Familie zu gründen.

Warum haben so viele Schwangere und/oder deren Männer Probleme mit dem Thema Sex in der Schwangerschaft? Was sind die größten Irrglauben?
In den Anfangsmonaten einer Schwangerschaft sind die Sorgen das ungeborene Baby zu stören oder sogar zu verletzen noch eher gering. Zu einem späteren Zeitpunkt wächst diese Angst jedoch – vor allem bei den Männern. Mit dem wachsenden Bauch der Frau wird auch die Vorstellung des im Inneren heranwachsenden Kinds immer konkreter; hochmoderne Ultraschalls geben dem ungeborenen Leben sogar ein Gesicht.
Insbesondere Paare, die lange Zeit versucht haben, schwanger zu werden, haben häufig Angst, mit Sex eine Fehlgeburt auszulösen. Diese Sorge ist meist bei den Frauen stärker. Beides ist jedoch bei intakten Schwangerschaften und munteren Kindern ausgeschlossen. Leider halten sich diese Ängste meist trotz guter Aufklärung hartnäckig.

Sind im Allgemeinen Frauen oder  Männer verunsicherter?
Beide Partner haben bei dem Thema „Sex in der Schwangerschaft“ so ihre ganz eigenen Sorgen und  Ängste. Durch eine eventuell entstandene Dürrephase im Sexleben und dem bereits sehr veränderten Körper der Frau, fällt es vielen Paaren schwer, sich einander wieder anzunähern. Frauen fühlen sich (oft völlig unbegründet) weniger attraktiv  als vor der Schwangerschaft, sind nicht mehr so entspannt und können sich beim Sex nicht mehr so gut fallen lassen. Auf Nachfrage – in Abwesenheit der Frauen – äußern mir gegenüber die Partner aber meistens, dass sie den Körper ihrer schwangeren Frau in der Tat sehr attraktiv und weiblich finden und sich auch weiterhin körperlich sehr zu ihr hingezogen fühlen.
Viele Probleme liegen also meiner Meinung nach an Missverständnissen und verschiedenen Irrglauben, wie zum Beispiel, dass das ungeborene Kind durch Sex  verletzt oder vorzeitige Wehen ausgelöst werden könnten. Kleine Blutungen in einer Schwangerschaft nach dem Sex sind übrigens normal, da die Schleimhäute der Frau sehr stark durchblutet sind und minimale  Mikroverletzungen auftreten können, die aber weder gefährlich noch schmerzhaft sind.

Haben Schwangere tendenziell mehr oder weniger Lust auf Sex?
Das ist sehr verschiedenen. Frauen sind in einer Schwangerschaft oft vielen hormonellen Veränderungen ausgesetzt, welche – und das können die meisten wahrscheinlich aus eigenen Erfahrungen bestätigen – zu Stimmungsschwankungen und gesteigerter Emotionalität führen können.

Was rätst du als Expertin zum Umgang mit Sex in der Schwangerschaft?
Meiner Meinung nach müssen Paare lernen über ihre Gedanken und Ängste im Umgang mit Sex in der Schwangerschaft zu reden. Da dies nicht so leicht ist, finde ich es unbedingt notwendig, dieses Thema grundlegend zu enttabuisieren. Hierzu ist es notwendig, dass auch gängige Elternliteratur dieses Thema auf lockere, ungezwungene Art aufgreift, damit die bestehenden Irrglauben beseitigt werden können. Denn Lust auf Sex kann nur aufkommen, wenn sich beide sicher fühlen und sich fallen lassen können.
Mir gegenüber äußern Paare  recht häufig, dass sie die zwar Lust empfunden haben, diese dann aber unterdrückt haben, weil sie Angst hatten, der Sex könnte ganz anders, nicht so schön oder nicht so intensiv wie sonst sein .  Wenn solche Gedanken aufkommen, sollte man sich überwinden und mit dem Partner offen sprechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Partner dieselben Unsicherheiten durchlebt, ist nämlich sehr hoch. Nur gemeinsam können Paare einen Weg finden, Zärtlichkeiten und Sex auch in der Schwangerschaft zu genießen.

 Warum sind Sex und Erotik auch in der Schwangerschaft so wichtig?  
Gesund ist Sex ja auf jeden Fall – in allen Lebenslagen. Es werden diverse Glückshormone auch ohne Orgasmus ausgeschüttet, die Paarbeziehung wird gestärkt, jeder fühlt sich danach wohler, geliebter und begehrter und die Hemmschwelle, Probleme aller Art zu besprechen, sinkt bei einem ausgeglichenen Liebesleben ganz rapide. Das heißt, Streit und Missverständnisse kommen weniger auf und das Nest kann ganz entspannt gemeinsam errichtet werden.

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