29. April 2015 Liebling und Schatz

LANGE ZUSAMMEN UND TROTZDEM LUST AUF NEUES?

Manche glauben ja, Sex funktioniere wie von selbst. Liebe zu machen, das müsse man doch nicht lernen, sondern schlicht können. Und wer keinen Orgasmus bekommt, sucht eben beim Anderen nach irgendeiner Schuld. Wir meinen: Wer ein erfülltes Liebesleben haben möchte, sollte seine Wünsche, Vorlieben und Erwartungen klar äußern. Das hält – auch in langen Beziehungen – die Erotik frisch und gibt Raum für neue Entdeckungen.

Es gibt Sätze, die sind nur scheinbar leicht gesagt. Einer zum Beispiel lautet: „Probier’ es doch mal so…!“ Das Problem ist nämlich, dass der uns viel zu häufig partout nicht über die Lippen gehen will. Zumindest nicht dort, wo er doch eigentlich hingehört: ins Bett, ins Liebesspiel zu zweit.

In der frühen Phase einer Beziehung geht noch alles wie von selbst. Man ist mächtig verliebt, die Neuronen im Gehirn tanzen im Rausch der Gefühle und unsere Lust aufeinander scheint grenzenlos. Wo immer es auch geht, fallen wir mit großem Eifer und viel Freude übereinander her. Dass es abends nie zu spät und morgens selten zu früh sein kann, ist völlig normal. So zumindest ist es bei den allermeisten frisch Verliebten.

Wenn aber nach der ersten Faszination schon ein paar Umerziehungsversuche überstanden sind und sich der emotionale Sturm ein wenig beruhigt, kommt, was wir Paartherapeuten gerne die Konsolidierungsphase nennen. Spätestens nach zwei Jahren arrangiert man sich irgendwie. Der Rausch weicht der Gewohnheit und beim Sex geht es immer häufiger um den kleinsten gemeinsamen Nenner. Ist ja auch sonst ordentlich viel los, auf all den Baustellen des Paarlebens: die Zweisamkeit, der Freundeskreis, der Traum vom Familienglück und der von der großen Karriere. Viel Stress, wenig Zeit. Der Partner ist ja nun ohnehin da. Läuft heute nichts im Bett, dann ja vielleicht morgen. Oder übermorgen. Oder so.

In dieser Zeit, in der die Lust aufeinander also nicht mehr nur pures Begehren ist, wird die Art, Liebe zu machen, oft klamm und heimlich zu einer eingefahrenen Sache. Jeder kennt die erogenen Zonen des anderen, seine – vermeintlichen – Vorlieben und wie er den anderen am besten und wahrscheinlichsten zum Orgasmus bringt. Oder zu bringen meint. Vielleicht kriecht sogar manchmal etwas frostiger Frust in die Bettwäsche. Weil die gelernten Berührungen eben zur Routine geworden sind. Weil man die Unzulänglichkeiten des Partners spürt, aber auch seine eigenen. Und weil man sich daran gewöhnt, auf Sex zu verzichten.

Eigentlich schade, das. Denn Sexualität und Erotik kann auch in einer langjährigen Partnerschaften immer noch jede Menge Spaß machen und Raum für neue Entdeckungen geben. Das Problem ist nur, dass viele von uns wichtige Dinge über Erregung und unseren eigenen Körper gar nicht wissen. Der Erregungsreflex etwa sei zwar angeboren, aber nicht die Fähigkeit, auch einen Orgasmus zu erleben. So erklärt es die Sexologin und Therapeutin Ann-Marlen Henning, Autorin des Aufklärungsbestsellers „Make More Love“.  Studien haben nämlich herausgefunden, dass 80 bis 90 Prozent aller Frauen durch reine Penetration nicht zum Höhepunkt kommen können.

Beziehen Paare aber während des Liebesaktes die Klitoris mit ein, sieht die Sache ganz anders aus – und die Klitoris ist sehr viel größer als die sogenannte „Perle“, an der sich Männer und Frauen gerne nach bestem Wissen und Gewissen abmühen. Auch die äußeren Schamlippen und die Nervenstränge bis hin zum Anus gehören nämlich als Schwellkörper mit dazu. Das auch später noch zu erfahren, lohnt sich: Immerhin erleben mehr als 20 Prozent aller Frauen ihren ersten Orgasmus erst im Alter von mehr als 40 Jahren, wie Umfragen zeigen. Übrigens meistens durch Selbstbefriedigung.

Den Körper erforschen, ihn liebkosen, herausfinden, wo die Berührungen besonders kribbelnd sind: Solche Entdeckungen gibt es auch nach 20 Jahren Ehe noch – ob alleine oder durch den Partner oder die Partnerin.

„Absichtsloses Streicheln“ nennt sich zum Beispiel in der Tantra-Lehre eine Berührungstechnik, die den ganzen Körper, auch den Intimbereich, umfassen kann. Es geht darum, den Körper des Anderen achtsam, liebevoll und erotisch zu erforschen und dabei eben nicht gezielt einen Orgasmus provozieren zu wollen. Weil erst dann die Zeit und der Raum entsteht, um individuell zu spüren, wo und wie sich die Lust im Körper ausbreitet – und was man vielleicht auch neu und anders wahrnimmt. Denn erst wenn man die eigene Sexualität kennt und Verantwortung für die eigene Lust übernimmt, kann man vom Partner auch erotische Offenbarungen erwarten.
Also, auch wenn es keine Patentrezepte gibt: Jeder von uns kann auch später noch sexuelle Erfüllung erreichen, finden wir, und keine Partnerschaft sollte wegen schlechtem Sex zerbrechen. Vorausgesetzt natürlich, wir sprechen offen und ehrlich miteinander. Denn Kommunikation und Austausch ermöglichen auch noch nach vielen Jahren Partnerschaft Veränderungen.

„Es ist ein Irrtum zu glauben, die Sprache sei ein Erzfeind der Leidenschaft“, meint der Philosoph Franz Josef Wetz  in seinem Buch „Lob der Untreue. Eine Unverschämtheit“. Nur wer seine Wünsche und Ideen und Neigungen ausdrückt, erreicht den anderen. Gedanken lesen können nämlich nur Gaukler und Zauberer.

Klar: Jedem von uns wird das eine oder andere erotische Geständnis nicht ohne Herzklopfen über die Lippen kommen. Weil wir manchmal die Reaktion unserer Partner fürchten. Aber gerade wenn das Sprechen über Wünsche und Sehnsüchte neu ist, hilft es, konkret zu sein. Zum Beispiel mit Sätzen wie „Ich glaube, mir würde Spaß machen, wenn du dies und jenes bei mir machst – oder ich bei dir machen dürfte. Könntest du dir das auch vorstellen?“ oder „Probier’ es doch mal so…!“ Die sind dann nämlich erstaunlich leicht gesagt.

Wir sind full on LOVE, …
… weil wir nicht aufhören, uns neu zu entdecken. Wir fordern uns einfach saugerne heraus.
Liebling & Schatz

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