23. Juni 2015 Liebling und Schatz

Fremdgangen – und nun?

© Diana Bartl Fotodesign

Lisa durfte endlich mal wieder nach Berlin: ein Architektur-Kongress in einem verdammt schönen Hotel. Drei Tage kein Büro, keine Familie und weniger Stress. Endlich mal. Und dann noch der flirrende Frühsommer. Neben ihr saß da dieser Typ. Dunkle Haare, blau leuchtende Augen und ein schmal geschnittenes, weißes Hemd, das sich über seinen muskulösen Oberkörper spannte. Während der Vorträge tagsüber wechselten die beiden nur Blicke, in den Kaffeepausen dann auch erste Worte. Aus den Worten wurden Komplimente und aus den Komplimenten ein Prickeln.
Am zweiten Abend, nach dem festlichen Kongress-Diner und einem hastigen Anruf zu Hause, landeten beide in der Kiste. Jede Menge geiler Gefühle in einer einzigen Nacht. Neu, wild, heiß.
Und am Morgen danach dann das Erwachen. Lisa war es also tatsächlich passiert. Sie war fremdgegangen. Einfach so. Und jetzt? Was tun mit dem brennend schlechten Gewissen? Das große Geständnis zu Hause? Würde er sich dann trennen? Also doch besser schweigen?

Ulrich Clement, Paartherapeut und Buchautor („Guter Sex trotz Liebe“), berichtet, dass es erstaunlich viele Fälle gibt, in denen Menschen einen Seitensprung wagen, ohne dass zu Hause etwas falsch gelaufen wäre. Es passiere entweder aus Übermut oder weil sich einfach die Gelegenheit ergibt, eine emotionale Begegnung mit einer anderen Person. Wodurch plötzlich eine neue Qualität ins Spiel komme, mit der man nicht gerechnet habe.

Wir fühlen uns endlich mal wieder so richtig begehrt, als Mann oder Frau. Wir sind neugierig auf das Fremde, auf den Körper eines unbekannten Anderen. Wir fühlen uns einfach nur irre lebendig, durch dieses andersartige, in einer langen Beziehung fast schon in Vergessenheit geratene sexuelle Erleben.
„Erotik braucht Distanz, Liebe braucht Nähe“, erklärt die US-Psychologin und Paarberaterin Esther Perel. Was natürlich kaum zusammen zu bringen ist in einer langjährigen Beziehung. Und zu Erotik und Liebe sollen natürlich auch noch  finanzielle Sicherheit, Nähe und Vertrauen kommen. Romantischerweise auch noch die Treue. Ein ganz schönes Paket!

Der 42-Jährigen Architektin Lisa ging es ganz genauso und trotzdem brachte ihr das Fremdgehen eine wichtige wie banale Erkenntnis: Sie hatte eigentlich gar nicht vor, untreu zu sein. Eigentlich liebte sie ihren Mann doch, auch ihre Kinder waren ihr wichtig – und trotzdem war es ihr passiert.
Schon auf dem Weg nach Hause entschied sie sich, darüber zu schweigen. Es war passiert, ein einziges Mal, und sie wusste, dass sie den Typen nie wiedersehen würde. Ihr schlechtes Gewissen war groß wie ein Wolkenkratzer – nie wieder wollte sie dem Reiz eines One-Night-Stands nachgeben. Die prickelnden Stunden der letzten Nacht waren dieses Gefühlschaos nicht wert. Aber damit wollte und musste sie nun einfach alleine klar kommen.
Genauso, wie es übrigens auch der Paartherapeut Clement vorschlägt. Seine Einstellung: Wenn man schon fremd gehe, müsse man mit den Schuldgefühlen auch selbst klar kommen. Idealerweise natürlich mit fachkundiger Hilfe.

Laut Clement  komme es ausschließlich auf die Bedeutung an, die der Fremdgeher selbst einem Seitensprung gebe. Ist es Selbstbestätigung, also der sehnsüchtig vermisste Beweis, sich männlich oder weiblich zu fühlen? Oder einfach nur attraktiv? Oder geht es darum, sich mal wieder verstanden zu fühlen und getröstet? Was aber keinesfalls ein Freibrief für notorische Fremdgeher sein soll.

Das schlechte Gewissen per Geständnis auf den Partner abzuladen, nur um es zu erleichtern, ist deswegen unfair.. Nicht nur das Vertrauen des Partners zerbricht, nein, zugleich wird er in die Rolle gedrängt, verzeihen zu müssen. Und wenn ihm das nicht gelingt, ist er noch dazu mitverantwortlich am Scheitern der Beziehung – durch einen möglicherweise bedeutungslosen Seitensprung.
Aber selbst wenn es danach weitergeht in der Partnerschaft, bleiben häufig diese Schuldgefühle – und die sollten Paare dann am besten therapeutisch loswerden. Damit keine gefährlichen Abhängigkeiten entstehen.

„Ich halte es für falsch, Fremdgehen immer als Symptom für etwas Gestörtes zu betrachten“, erklärt Clement weiter.
Ob sich das Durchhalten nach einem Seitensprung lohne? „Oh ja!“, sagt er. „Es ist nicht einfach. Es ist schmerzhaft. Und es gibt keine Chance darauf, dass alles wieder so wird wie früher. Die Unschuld ist hin. Aber das Durchhalten birgt die Chance auf etwas Neues. Und das kann aufregend sein.“

Bei Lisa ging es tatsächlich irgendwie weiter. Weil sie in den Tagen und Wochen und Monaten danach im Umgang mit ihrem Mann – auch beim Sex – wieder aufmerksamer und zugewandter war. Nicht nur wegen ihres schlechten Gewissens, sondern auch weil mit ihrem One-Night-Stand die Erkenntnis kam, dass sich sowas zwar kurzfristig gut anfühlt, aber jetzt auch nicht die sexuelle Offenbarung schlechthin ist.  Und schon gar keine Alternative für ein neues oder anderes Leben.

Ja, ein Seitensprung kann eine Chance für eine Partnerschaft sein, weil er zwingt, hinzuschauen, in die Ecken und Kanten der eigenen Beziehung, an denen noch gearbeitet werden muss. Er schärft aber auch den Blick für das Gute. Und das beflügelt und belebt auch das Liebesleben. Garantiert. Vorausgesetzt natürlich, der erotische Ausflug war nicht derart geil, dass man dafür einfach alles aufs Spiel setzen würde,  den Kick immer wieder braucht oder gar  eine Affäre beginnt.

Eine ähnliche Chance birgt übrigens eine erotische Trennung auf Zeit, also die bewusste Entscheidung für eine Auszeit. Für Enthaltsamkeit.
Gerade, wenn eine Beziehung in einer schwierigen Phase ist, mit viel Streit, in der an Sex eh nicht zu denken ist. Unsere Empfehlung: Formuliert einen verbindlichen Vertrag über ein Paarzölibat, der dann auch von beiden unterschrieben werden sollte. Darin erklärt ihr für zwei oder drei Monate ganz bewusst den Verzicht auf gemeinsamen Sex. Natürlich mit einem exakten Datum für das Vertragsende.

Sich rar und fremd zu machen ist nämlich eine wunderbare Möglichkeit, sich in der Liebe neu zu entdecken, stimmt’s?

Wir sind full on LOVE, …
… weil wir nicht aufhören, uns neu zu entdecken. Wir fordern uns einfach saugerne heraus.
Liebling & Schatz

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Comment (1)

  1. Schade, dass hier kein neuer Artikel seit nem Jahr erschienen ist :/
    Wann gibt’s denn wieder Nachschub?

    Lg, Henning

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