27. November 2014 Neue Medien

EINE ANLEITUNG ZU EINEM BEFRIEDIGENDEN SEXULALLEBEN?

Daniel Meier, M.A. ist bei pro familia Wiesbaden e.V. in den Bereichen Beratung und Sexualpädagogik tätig.

Daniel Meier, M.A. ist bei pro familia Wiesbaden e.V. in den Bereichen Beratung und Sexualpädagogik tätig. Er arbeitet dort mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechend. Er gibt ihnen umfassende Informationen, diskutiert mit ihnen Werteeinstellungen und soziale Kompetenzen, die sie für eine selbstbestimmte Sexualität brauchen.
Zugleich arbeitet er auch mit den Eltern der Kinder und Jugendlichen, da diese Ansprechpartner Nr. 1 bei Fragen und Problemen sind. Sie benötigen deswegen ein besonderes Maß an Sicherheit im Umgang mit der Sexualität ihrer Kinder.
Daniel Meiers Ziel ist die Förderung der Selbstbestimmung sowie der Schutz vor sexueller Gewalt – denn, „informierte Kinder sind besser geschützte Kinder!“, so seine Überzeugung.

Sucht man beim Onlineriesen für Bücher nach Ratgebern zum Thema „Sexualität“, so werden über 7.000 potentiell interessante Artikel zur Auswahl gestellt. Die Themen sind dabei breitgefächert und reichen von der „Anleitung zur weiblichen Ejakulation“ bis zur „FSK 18 DVD mit tantrischen Übungen“. Alleine die Titel der verschiedenen Medien lassen einem dabei schnell zu der Frage gelangen: Ist befriedigender Sex tatsächlich eine Frage der richtigen Anleitung?

Um dem nachgehen zu können empfiehlt sich ein Ausflug in einen Teilbereich der Soziologie. Ganz einfach ausgedrückt ist der Mensch hier nicht die Summe seiner biologischen Teile, sondern seiner Erfahrungen. Vom ersten Moment des Lebens an wird der Mensch durch verschiedenste Einflüsse wie Erziehung, Vorbilder, Freunde, Medien, Bildung, usw. geprägt und sieht daraus folgend die Welt durch eine Brille, deren Gläser durch diese Einflüsse geschliffen wurden. Im Alltag lässt sich dieser unterschiedliche Brillenschliff beispielsweise im Streitgespräch erkennen oder macht sich durch unterschiedlichste Ansichten bemerkbar. Jeder Mensch ist individuell – und hat die Freiheit so zu sein wie er bzw. sie will.

Diese scheinbar goldglänzende Münze der Freiheit hat jedoch auch eine Kehrseite, die sich umso deutlicher zeigt, je mehr Raum die Individualität gewinnt. Mit ihr einher geht nämlich nur all zu oft ein Verlust an Orientierung. Plötzlich ist alles möglich und kann so schnell zu Überforderung führen.
Waren beispielsweise noch vor einigen Jahren Seile und Peitschen in Schlafzimmern vermutlich eher seltener anzutreffen, so liegt die Vermutung nahe, dass sich der Absatz von BDSM-Toys seit dem Erscheinen des Bestsellers „Shades of Grey“ potenziert hat.

Während nun einerseits für diejenigen ein entlastendes Moment vorliegt, die ihre sexuellen Bedürfnisse im Bereich des BDSM ganz unbeschwert ausleben können, so sind andere mit der Frage konfrontiert, ob sie sich nun von der breiten Masse abheben, weil Unterwerfung und Dominanz keinerlei Anziehungskraft auf sie ausübt.
Man kann nun natürlich argumentieren, dass jeder gesellschaftliche Teilbereich seit jeher unterschiedlichsten Strömungen und Modererscheinungen ausgesetzt ist und die Menschen gelernt haben irgendwie damit umzugehen. Jedoch gilt es beim Thema Sexualität eine Einschränkung vorzunehmen, denn die Praxis zeigt, dass es vielen Menschen nach wie vor schwer fällt über Sex zu sprechen und sie somit stets mit ihrer eigenen Unsicherheit konfrontiert sind ohne sich – selbst mit dem Partner/ der Partnerin – darüber austauschen zu können.

Dieser Austausch wäre jedoch deswegen so relevant, weil daraus Sicherheit resultiert. Ob nun „Ratgeber zum gelingenden Sexualleben“ in einer Situation der Unsicherheit dazu beitragen Gewissheit zu erlangen, was einem gefällt und was nicht, lässt sich bezweifeln.
Um an dieser Stelle noch einmal auf die eingangs angesprochenen, durch „das Leben geschliffenen Brillengläser“ zurückzukommen: Die Empirie zeigt, dass sich gewohnte Sichtweisen nur sehr schwer abändern lassen, bzw. ein „Umschleifen der Brillengläser“ eine herausfordernde Leistung darstellt. Eine Leistung die kein Buch, kein Artikel (auch nicht dieser) und kein Film für einen übernimmt, sondern die nur in der intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Bedürfnissen geschehen kann. Dazu hilft es sich stets ins Gedächtnis zu rufen, dass ein jeder eine solche Brille auf der Nase trägt, die einem die Welt so präsentiert, wie man selbst ist.

In den meisten Fällen ist so nicht etwa die Sicht auf die sexuellen Aspekte die einem gefallen bzw. nicht gefallen unpassend*, sondern der Ratgeber der einem davon überzeugen will, dass befriedigender Sex so  abzulaufen hat – und nicht anders.
Sex macht Spaß! Wer den Mut aufbringt sich dabei auf Entdeckungsreise nach der eigenen Lust zu begeben, wird vieles erfahren, was so in keinem Ratgeber abgedruckt wurde. Unsere Sexualität ist so individuell und komplex wie wir selbst – und sie findet nicht nur mechanisch zwischen den Beinen, sondern auch sehr feinsinnig zwischen den Ohren statt.

* Ausgenommen davon sind selbstverständlich grenzüberschreitende oder rechtlich untersagte Sexualpraktiken.

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