29. Oktober 2014 Dr. Verena Breitenbach

CHEMIE DER LIEBE

Liebe ist keineswegs nur eine reine Herzensangelegenheit, sondern ein komplexes Zusammenspiel unserer Sinnesorgane, Nerven, Transmitter und Hormone. Sie überfällt uns aus heiterem Himmel und der Verstand hat dann nur noch wenig Kontrolle.
Viele Faktoren, die darüber entscheiden, ob wir uns verlieben, sind reine Biologie und beeinflussen unsere Partnerauswahl völlig unbewusst.

Da wäre zum einen der Geruch. Wir können nicht beeinflussen, ob wir jemanden im wahrsten Sinne des Wortes „riechen“ können oder eben nicht. Der Geruch eines Menschen ist so individuell wie sein genetischer Code und wird unter anderem von der Bakterienflora der Haut beeinflusst. Schon die kleinste Wahrnehmung des Duftes lösen in den Sinneszellen der Nase elektrische Impulse aus, die über die Nerven direkt an das Riechhirn weitergegeben werden. Das Riechhirn gehört zu den ältesten Teilen unseres Gehirns und ist eng mit dem limbischen System verbunden, wo Emotionen entstehen. Je nachdem, ob wir einen Geruch als angenehm oder irritierend empfinden, werden entsprechend Transmitter und Hormone produziert. Innerhalb weniger Momente hat unsere Biologie bereits über erste Sympathien entschieden. So einfach ist es und so wenig Einfluss haben wir darauf.

Der stark ausgeprägte Geruchssinn hat uns in unserer Evolution wichtige Dienste geleistet. Menschen sollten zu einander finden, die genetisch in der Lage waren möglichst gesunde Nachkommen zu zeugen. So können sich Menschen mit ähnlichem Immunsystem zum Beispiel bis heute nicht so gut riechen, da die Evolution die Vielfalt sucht. Möglichst unterschiedliche Gene sollen sich finden, um den genetischen Pool zu erweitern.

Neben dem Geruch spielen natürlich Optik, Mimik, Gestik, Stimme und Berührung eine wichtige Rolle bei der Partnerwahl. Aber auch diese Parameter werden deutlich mehr durch die Evolution als durch unseren persönlichen Willen beeinflusst, als wir uns eingestehen wollen. Denn unsere Natur möchte nach wie vor nur eines: gesunde Nachkommen.

Bei der Liebe muss man zwei Stadien unterscheiden: Die erste Verliebtheit, darauf folgend Liebe und Vertrauen.
Im ersten Stadium spielt Dopamin, der Transmitter der rauschhaften Euphorie, zu vergleichen mit einem Kaufrausch, Geschwindigkeit oder Kokain eine Rolle. Manche Ärzte behaupten sogar, das Verliebtsein ein psychotischer Zustand mit veränderter Wahrnehmung der Welt sei. Wir kennen das alle: Die Welt wird plötzlich rosarot, viele Probleme sind nicht mehr da, wir könnten alle umarmen. Und denken den ganzen Tag nur an den Einen oder die Eine. Wir sind regelrecht süchtig nach diesem Zustand.
Serotonin ist am Anfang erniedrigt, es ist fast wie bei einer Zwangserkrankung. Verliebte können nur immer an den geliebten Menschen denken.
Adrenalin putscht auf, macht kribbelig und unruhig, Noradrenalin euphorisch, vertreibt Hunger und Müdigkeit. Bei den Frauen steigert Testosteron die Lust auf Sex. Bei Männern sinkt das Testosteronlevel hingegen etwas. Deswegen werden sie vielleicht weicher oder sind weniger triebgesteuert, wenn sie die Liebe erwischt.

Verliebt sein und Mutterliebe ähneln sich von den Hirnaktivitäten sehr. Teile des Parietal- und Temporallappens sind weniger aktiv. Das hat zur Folge, dass man weniger kritisch ist, was den Partner oder das Kind angeht. Man findet einfach alles toll an dem geliebten Menschen. Auch präfrontaler Cortex und Amygdala sind weniger aktiv. Ersterer ist bei Depressionen, Zweiterer bei Angst und Trauer aktiv. Das Gehirn ist so auf absolutes Glück eingestellt.
Die erste Phase des Verliebtseins dauert Wochen bis Monate an. Dort werden oft alle logischen Überlegungen außer Acht gelassen, was dem Sinn der Fortpflanzung entspricht. Häufig werden Paare gerade in dieser Zeit schwanger.

Im Laufe der Beziehung werden die euphorisierenden Hormone weniger, das Bindungshormon Oxytocin und auch Vasopressin nehmen hingegen zu. Die Beziehung ist nun von Vertrauen, Nähe und Wohlfühlen geprägt.
Evolutionär gesehen, schafft dies die perfekte Grundlage, um für die gemeinsame Aufzucht der Nachkommen eine stabile Beziehung zu schaffen. Daraus kann sich aber auch eine gute, langfristige Partnerschaft entwickeln. Dafür müssen sexuelle Anziehung und Vertrauen gleichermaßen vorhanden sein. Faktoren, die sich in der Regel leider entgegen wirken.
Nur Paare, denen es gelingt hier eine gute Balance zu finden, haben reelle Chancen auf eine ausgefüllte Beziehung.
Übrigens: Je mehr Leidenschaft am Anfang, desto mehr von dem Bindungshormon Oxytocin wird später ausgeschüttet. Da sieht man, wie wichtig die natürliche Lust am Sex auch für langjährige Partnerschaften ist.

Ich bin full on LOVE, …
…weil, die Sexualität sehr schön, erfüllend, gesund und entspannend sein kann, wenn wir sie richtig genießen und falschen Scham über Bord werfen.
Dr. Verena Breitenbach

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